Die Memoiren eines Fliegenpilzes

Man kennt mich schon. 
 Ich bin der Fliegenpilz mit dem bösen Blick.
 Ich komme immer nach Hause zurück.
 Die Menschen wollen mich nicht essen,
 sie haben mich schon fast vergessen.
  
 Sie wissen genau, 
 vermutlich bringe ich den Tod,
 bin nun mal rot.
 Meine anderen Kollegen, 
 die werden schnell gegessen.
 Ich möchte mich an deren Erfolg eher nicht messen.
  
 Mein bester Freund ist der Troll.
 Ich finde ihn eigentlich nicht so toll.
 Ich muss nicht jeden mögen,
 müsste sonst immer lügen.
  
 Was ich nicht verstehe,
 die Menschen sehen in mir ein Glückssymbol.
 Ich fühle mich eher wie der Gegenpol.
 Pflanze werde ich auch genannt.
 Ich finde solche Begriffe zu riskant.

© Kamilla-Maria Kowalski 

Kampf der Naturgewalten

Ich stehe am Rand einer Klippe und 
 schaue auf das düstere Meer.
 Tosender Wind peitscht mir mein 
 nasses Haar ins Gesicht.
 Aus der Finsternis höre ich schrilles Kreischen.
 Sie rufen meinen Namen.
  
 Die stürmischen Böen haben den Ozean
 in ihre Gewalt genommen.
 Rasend und tobend, 
 erhebt er sich zu einer Gebärde des Satans,
 den Tod bringend,
 alles zerstörend.
  
 Ich schaue diesem Schauspiel zu.
 Die Naturgewalten haben die 
 Kontrolle verloren.
 Ich, der Herrscher über alle Weltmeere,
 erhebe nun meinen Körper.
 Keuchend und mit voller Wucht
 rufe ich den Namen des Satans,
 fordere ihn auf,
 er möge sich dem Kampf stellen.
  
 Im Augenblick des Todes stehe 
 ich ihm gegenüber.
 Nach Atem ringend, 
 mich zur Seite werfend,
 ergreife ich meinen Speer, 
 sehe die Geschöpfe des Meeres,
 wie sie ihn umschlingen,
 in die Tiefe ziehen.

 © Kamilla-Maria Kowalski 


 Neubeginn 

Wir Götter
 rufen nach dir!
 Heute ist der Tag,
 dein neues Leben beginnt!
 Wir weihen dich ein
 und schmücken dich.
 Legen dir weiße Perlen 
 um deinen Hals,
 flechten einen Kranz aus Lilien
 für dein Haupt.
 Tief unten im Meer,
 dort wartet schon dein Gemach.
 Dein Leben auf Erden ist nun vorbei.
 Wir öffnen dir unsere Tür,
 komm nun herein!

© Kamilla-Maria Kowalski



 
 

Abschiedszeremonie

Man hört die Götter, wie sie atmen.
 Das ganze Land steht nicht mehr still.
 Fordernd rufen sie meinen Namen.
 Ihre rauen Stimmen, getragen vom Wind.
 Sie rufen das Volk.
 Es soll sich versammeln.
 Der Tanz der Götter beginnt.
  
 Sie schmücken mich mit weißen Perlen,
 ich bin für mein neues Leben bereit.
 Die Tage hier auf Erden,
 haben mir viel Glück gebracht.
 Ich tanze im Rausch des Lebens,
 heute meinen letzten Tanz.
 Bunt leuchtet auf meinem Haupt
 der Blumenkranz.

 © Kamilla-Maria Kowalski 


 

 Liebeszauber

Ich erzähle euch eine Geschichte, 
 ein Märchen, das vor langer Zeit begann 
 und nie sein Ende nahm. 
  
 Winde wehten durch das Land, 
 im Regen die nahende Dunkelheit, 
 Schritte auf dem Weg zum Schloss. 
  
 Der lange Umhang von Nässe durchtränkt, 
 der Regen verstummte im Klang der Hufen, 
 ein weißes Pferd. 
  
 Im Schatten des Abends, 
 auf einem prachtvollen Ross, 
 machten sie sich gemeinsam auf den 
 Weg zum Schloss. 
  
 Ihre Augen, sie liebten. 
 Ihre Herzen, sie schlugen. 
 Ihre Lippen, sie schwiegen. 
  
 Als die Mondsichel am Himmel erschien 
 und der Abend sein Ende nahm, 
 schwiegen sie weiter, 
 bis der Abschied kam. 
  
 Doch ihre Augen, sie liebten. 
 Ihre Herzen, sie schlugen. 
 Ihre Lippen, sie schwiegen. 
 und ihr Schweigen sie trennte. 
  
 Dieses geschah vor vielen Jahren 
 und an jedem Abend, 
 wenn der Regen das Land in seinen
 Zauber hüllt, 
 denkt er an sie und sie an ihn, 
 vom Schmerz erfüllt. 

© Kamilla-Maria Kowalski


 

Der Schneekönig

Sie stehlen mir meine weißen Tränen,
 die sich im leichten Flug nach der 
Erde sehnen. 
 Doch noch bevor sie den Atem der 
Erde spüren,
 sich in nichts auflösen und das 
 Vergängliche fühlen.
  
 Ihr Menschen, was erschafft ihr euch?
 Erkennt ihr nicht, 
 wie Mutter Natur nach Atem keucht?
 Wie ihre Brust nach Atem ringt,
 seitdem meine Tränen versiegt sind.
  
 Bald wird es keinen Winter mehr geben.
 Die Spinnen werden ihre Netze 
ganzjährig weben.
 Ich werde keine Tränen mehr vergießen.
 Im Winter werden Blumen sprießen.
 Doch die Hitze des Sommers wird 
alles erdrücken,
 ohne mich werdet ihr Unheil pflücken.

© Kamilla-Maria Kowalski
  
 
 

 

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